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Forschung4. Juni 2026

Retatrutide vs Cagrilintide vs AOD-9604: Welches Stoffwechsel-Peptid für dein Forschungsziel?

Retatrutide, Cagrilintide und AOD-9604 im Vergleich: Wirkmechanismus, Studienlage und Potenz. Der ehrliche Entscheidungs-Guide für Stoffwechsel-Forschung.

Drei Peptide, drei völlig verschiedene Wirkprinzipien und drei sehr unterschiedliche Evidenz-Klassen. Retatrutide deckt die volle Inkretin- plus Glukagon-Kaskade ab, Cagrilintide den Amylin-Sättigungsweg, AOD-9604 eine lokale Lipolyse-Hypothese. Dieser Guide hilft bei der Auswahl und ist dabei ehrlich, welche Substanz wie gut belegt ist.

Für die molekularen Wirkwege siehe den GLP-1-Agonisten-Vergleich und AOD-9604 vs Retatrutide. Hier geht es um die Entscheidung.

TL;DR: Die Kurzentscheidung

Retatrutide: das potenteste, am besten belegte. Dreifach-Agonist (GIP, GLP-1, Glukagon) mit der größten publizierten Phase-2-Gewichtsreduktion. Cagrilintide: der Amylin-Sättigungsweg, solide allein und stark in der Kombination (CagriSema), anderer Mechanismus. AOD-9604: ehrlich das schwächste. Lokale-Lipolyse-Hypothese, aber die menschliche Adipositas-Studie war im Kern negativ und die Entwicklung wurde eingestellt.

Nur für Forschungszwecke

Dieser Text ordnet Forschungspeptide ein. Er ist keine medizinische Beratung, keine Anwendungsempfehlung beim Menschen und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes. Genannte Studien-Dosen und Prozentwerte stammen aus kontrollierten klinischen Studien mit Titration und Begleitprogramm, keine Erwartungswerte und keine Dosierungsempfehlung. Keine dieser drei Substanzen ist von FDA oder EMA zugelassen.

Schnellauswahl nach Forschungsziel

Die drei Optionen im Detail

Retatrutide: das potenteste, am besten belegte

Retatrutide (LY3437943) ist ein einzelnes Peptid, das als Dreifach-Agonist zugleich am GIP-, GLP-1- und Glukagon-Rezeptor wirkt [PMID 37366315, 37385280]. GLP-1 und GIP treiben Insulinsekretion und zentrale Sättigung, der zusätzliche Glukagon-Arm ist der Differenzierer und soll Energieverbrauch und Leberfett-Mobilisierung erhöhen.

In der Phase-2-Adipositas-Studie (doppelblind, randomisiert, placebokontrolliert, 338 Erwachsene ohne Typ-2-Diabetes, 48 Wochen) erreichte die 12-mg-Dosis eine mittlere Gewichtsreduktion von rund 17,5 % nach 24 Wochen und etwa 24,2 % nach 48 Wochen [PMID 37366315], die größte berichtete Reduktion eines einzelnen Wirkstoffs dieser Klasse in einer publizierten Phase-2-Adipositas-Studie. Eine Phase-2-Studie bei Typ-2-Diabetes bestätigte zusätzlich die glykämische Wirkung [PMID 37385280].

Nebenwirkungen waren überwiegend gastrointestinal und dosisabhängig, dazu ein dosisabhängiger Anstieg der Herzfrequenz [PMID 37366315]. Status: nicht zugelassen, Phase 3 läuft.

Retatrutidemetabolic

Erstes Dreifach-Wirkungs-Peptid zur Gewichtsregulierung, das drei Rezeptoren gleichzeitig anspricht: GLP-1, GIP und Glukagon. Außergewöhnliche Ergebnisse in Phase-2-Studien - bis zu 24% Gewichtsreduktion. Das fortschrittlichste Stoffwechsel-Peptid auf dem Markt.

Cagrilintide: der Amylin-Weg

Cagrilintide ist ein langwirkendes Amylin-Analogon (einmal wöchentlich). Amylin wird zusammen mit Insulin ausgeschüttet, signalisiert Sättigung und verlangsamt die Magenentleerung. Cagrilintide wirkt als Amylin- und Calcitonin-Rezeptor-Agonist zentral auf die Nahrungsaufnahme; eine 2025er Arbeit zeigte die Abhängigkeit von zentralen Amylin-Rezeptoren im Tiermodell [PMID 40609154]. Das ist ein grundlegend anderer Weg als die Inkretin/Glukagon-Achse.

In der Phase-2-Monotherapie-Studie (706 Erwachsene, 26 Wochen) lag die Gewichtsreduktion je nach Dosis bei etwa 6 bis 10,8 % gegenüber rund 3 % unter Placebo [PMID 34798060]. Stärker wird es in der Kombination mit Semaglutid (CagriSema): rund 15 bis 17 % Gewichtsreduktion gegenüber Semaglutid allein [PMID 33894838, 37364590]. Nebenwirkungen überwiegend gastrointestinal. Status: nicht zugelassen, in Entwicklung.

Cagrilintidemetabolic

Lang wirkendes Amylin-Analog fuer woechentliche Saettigung und Appetitkontrolle untersucht. Phase-3 REDEFINE-Studien abgeschlossen, NDA bei FDA seit Dezember 2025. Mechanismus unabhaengig von GLP-1-Agonisten.

AOD-9604: die Lipolyse-Hypothese mit schwacher Evidenz

AOD-9604 ist ein synthetisches Fragment des menschlichen Wachstumshormons (Reste 176-191, die lipolytische Domäne). Die Hypothese: es reproduziere die fettmobilisierende Wirkung von hGH ohne dessen ungünstige Effekte, also ohne IGF-1-Anstieg und ohne Insulinresistenz.

Ehrliche Einordnung von AOD-9604

Die mechanistische Unterstützung ist tierbasiert (Studien an adipösen Ratten und Mäusen) [PMID 11146367, 11713213]. Die entscheidende menschliche Adipositas-Studie war im Kern negativ: das frühe kleine Signal hielt im größeren Phase-2b-Programm nicht, es gab keine statistisch signifikante Gewichtsreduktion gegenüber Placebo, und die Entwicklung wurde um 2007 eingestellt. AOD-9604 ist damit nicht in derselben Evidenz-Klasse wie die anderen beiden. Online kursierende Aussagen zu "signifikantem Fettverlust" sind durch das negative Phase-2b-Ergebnis widerlegt.

AOD-9604metabolic

Modifiziertes hGH-Fragment (176-191) für die Erforschung des Fettstoffwechsels und der Lipolyse. Interagiert mit Beta-3-Adrenorezeptoren ohne wachstumsfördernde Effekte.

Direkter Vergleich auf einen Blick

EigenschaftRetatrutideCagrilintideAOD-9604
MechanismusDreifach-Agonist GIP/GLP-1/GlukagonAmylin-Analogon (Sättigung)hGH-Fragment 176-191 (Lipolyse-Hypothese)
Beste StudienlagePhase 2 ca. 24 % bei 48 Wo [37366315]Phase 2 bis ca. 10,8 %, CagriSema 15-17 % [34798060, 37364590]Human-RCT negativ [11146367 nur Tier]
PotenzHöchsteMittel (stark in Kombination)Schwach/unbelegt
PfadInkretin + GlukagonAmylinLokale Lipolyse (Hypothese)
Evidenz-KlasseStarkStark, oft als KombinationSchwach, Entwicklung eingestellt
StatusNicht zugelassen, Phase 3Nicht zugelassen, in EntwicklungNie als Arzneimittel zugelassen

Ehrliche Evidenz-Rangfolge

Von stark zu schwach: Retatrutide (größte publizierte Phase-2-Reduktion, volle Inkretin- plus Glukagon-Mechanik), dann Cagrilintide (solide Monotherapie und starke Kombinationsdaten als CagriSema, anderer Amylin-Weg), zuletzt AOD-9604 (nur tierbasierte Mechanistik, negative menschliche Adipositas-Studie, Entwicklung eingestellt). Marketing sollte AOD-9604 nicht auf eine Stufe mit den anderen beiden stellen.

Welche Option passt zu welchem Ziel?

1

Maximale Wirkstärke und beste Studienlage

Retatrutide. Höchste Potenz, größte publizierte Phase-2-Gewichtsreduktion, plus glykämische Wirkung in der Diabetes-Studie [PMID 37366315, 37385280].

2

Amylin-Sättigungsweg oder Kombinations-Logik

Cagrilintide. Anderer Mechanismus als die Inkretine, solide allein und besonders stark in der Kombination mit Semaglutid (CagriSema) [PMID 34798060, 37364590].

3

Lokale-Lipolyse-Hypothese, im Bewusstsein der schwachen Evidenz

AOD-9604. Nur, wenn gezielt diese Hypothese untersucht werden soll, mit der ehrlichen Einordnung, dass die menschliche Wirksamkeit nicht belegt ist [PMID 11146367].

Häufig gestellte Fragen

Die hier beschriebenen Substanzen sind Forschungspeptide. Dieser Artikel dient ausschließlich der Wissensvermittlung, ist keine medizinische Beratung und nicht als Empfehlung zur Anwendung beim Menschen zu verstehen.

Forschung in Deutschland

Für Forschende in Deutschland gelten beim Bezug von Peptiden besondere regulatorische Rahmenbedingungen, die wir hier kurz einordnen.

Zuständige Behörde
BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) sowie Paul-Ehrlich-Institut für biologische Produkte
Umsatzsteuer
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Forschungschemikalien fallen in Deutschland nicht unter das Arzneimittelgesetz (AMG), solange keine therapeutischen Wirkversprechen gegenüber Verbrauchern gemacht werden und der Verkauf ausschließlich für Laborzwecke erfolgt. Die Beweislast für eine korrekte Etikettierung als Forschungsprodukt liegt beim Anbieter. Wir kennzeichnen jede Charge mit unserem Farbsystem, leiten das CoA des Produzenten unverändert weiter und dokumentieren die Lieferkette transparent. Bei Fragen zum Rechtsstatus oder zur Anwendung im akademischen Kontext empfehlen wir die direkte Rücksprache mit dem zuständigen Institut für Pharmakologie oder dem rechtswissenschaftlichen Dienst der Hochschule.